Journalberichte über das Malen in der Nacht
© Silke Silkeborg, Hamburg


29. Nacht
Zeit: Do. 17.09.09 / 23.30 Uhr – Fr. 18.09.09 / 02.30 Uhr
Ort: DK, Fuglesangsvej
Wetter: 13°, windstill, feucht


Dies ist die letztmögliche Gelegenheit, um vor der Abreise einen der modernsten Zuchtställe Dänemarks nachts zu malen. Als ich das erste Mal dieses grell erleuchtete Gebäude entdeckte, wollte ich es sofort malen. Das ist nun ein Jahr her. Allein der mir vorschwebende Titel fordert ein Bild ein: »Rinderpalast«. Es ist eine der nächtlichsten Nächte unter allen Nächten, die ich in den letzten Wochen nachtmalte.
Eine sternenklare, windstille Neumondnacht. Beste Bedingungen für Sternengucker.
Nach all diesen vergangenen stürmischen Nächten, kommt mir diese plötzliche Windstille schon fast surreal vor. Ich fahre mit einem geliehenen Golf zu dem ca. 5 km entfernt liegenden Industriestall. Eine enorm wirtschaftsorientierte Rinderzucht, die insbesondere in der Nacht ihren Wahnsinn offenbart. Die modernen, hallengroßen Ställe sind so extrem mit Kunstlicht ausgestattet, dass sie schon aus einer Entfernung von einem Kilometer zu erkennen sind. Hier leben Kühe, die niemals eine natürliche Nacht erleben werden. Auch wenn diese Tiere von Geburt an an diesen widernatürlichen Zustand gewöhnt sein mögen, so kann man die Permanenz dieser Situation, eines ewigen Tages ausgesetzt zu sein, auch als eine Art Foltermethode ansehen.

Im Gegensatz zu ihnen erlebe ich also die Nacht. Eine Nacht, die mir an diesem befremdlichen Ort einige Schrecken einjagt. Ungewohnte Geräusche höre ich. Für gewöhnlich nimmt sie der Wind mit. Im Gebüsch scheint einiges Getier in Bewegung zu sein. Geräusche, die von dem Stall herüberdröhnen, wirken, als würden Nachtarbeiter die Maschinen am Laufen halten. Wenig Gemuhe. Nur eine Kuh wiederholt einen sehr hohen Ton, der spitz und wehleidig klingt.

Trotz der Windstille, male ich kniend auf dem Boden. Ich befürchte, dass der Bauer mich bemerken könnte, und lasse deshalb die lichtstarke Benzinlampe aus. Für das ohnehin kleine Format reicht auch das Licht der Kopflampe. Die Fenster des Stalles wirken durch das Kunstlicht sehr graphisch in der ansonsten so rabenschwarzen Nacht. Senkrechte Lichtstreifen, die das Dunkel durchschneiden. Die Lichtstreifen blenden auch die Umrisse des Gebäudes weg. Nichts ist durch den Hell-Dunkel-Kontrast genauer definierbar.

Die Feuchtigkeit der Nacht macht mir beim Malen etwas zu schaffen. Mein Atem erzeugt einen derartigen Nebelschwall, der mir durch das Licht meiner Kopflampe die Sicht auf meine Leinwand versperrt. So versuche ich vorrangig nur den Eindruck festzuhalten, um diesen dann später im Atelier abrufbar zu haben.

Ich räume meine Utensilien zusammen und versuche mich dem Rinderpalast auf zweierlei Wegen zu nähern. Als Erstes gehe ich über das frisch abgemähte Kornfeld. Das Gehen in der Dunkelheit fällt schwer, weil die staksigen Halme mich ständig stolpern lassen. Am Ende des Feldes stehe ich vor einem unerwartet hohen, undurchdringlichen Knick, der mir jegliche Sicht auf den Zuchtort versperrt. Enttäuscht versuche ich auf schnellem Wege zur Straße zurückzugelangen. Der zweite Annäherungsversuch folgt direkt entlang der Hauptstraße. Hinter der Leitplanke beginnt ein riesiger Graben. Ich gehe so weit bis ich das Gebäude in einer Entfernung von 200 Metern frontal vor mir habe. Ich sehe hier und dort den Rücken von schwarz-weißen Kühen. Mehr kann ich nicht erkennen.

Ich belasse es dabei und kehre entlang der Hauptstraße um. Die Kopflampe halte ich als Notlicht in meiner linken Hand fest, lasse sie dabei aber ausgeschaltet. Meinen Blick dem klaren Sternenhimmel zugewendet, gehe ich zurück zum Auto, langsam, Schritt für Schritt, ohne den Blick vom Himmel abzuwenden. Ich habe Herzklopfen vor Aufregung. Mir ist als würde ich mit dem nächsten Schritt ins Universum treten, als gäbe es um mich herum nur noch leuchtende, funkelnde Sterne.

Plötzlich höre ich schnell aufeinander folgende Geräusche, die mich jäh aus meinem Sternenspaziergang reißen. Irgendetwas kommt auf mich zu. Ich versuche panisch die Kopflampe anzuschalten, aber es gelingt nicht. In rasender Geschwindigkeit versucht mein Hirn die Situation zu analysieren. Irgendetwas rennt. Was rennt? An diesem Ort gibt es keine wilden Tiere, aber möglicherweise bissige Hunde ...

Es sind Hufschläge auf dumpfen Boden. Also ein Pferd, dass mit seinen viel besseren Ohren als die meinigen mich möglicherweise schon von Weitem hörte. Vielleicht aus Neugier bewegt es sich in seinem abgesteckten Bereich auf mich zu. Zum Glück gibt es einen Zaun zwischen dem Pferd und mir.
Dieses Nachterlebnis führt mir die menschliche Unfähigkeit vor, sich adäquat in dunkler Nacht fortzubewegen.
Es fällt schwer, die Dunkelheit hinzunehmen, sich dieser auszuliefern, ohne sofort Gebrauch von einem Notlicht zu machen.




32. Nacht
Zeit: Sa. 17.10.09 / 23.30 Uhr – So. 18.10.09 / 03.00 Uhr
Ort: Hamburg, Kuhmühlenteich
Wetter: 3-4°, schwach windig, leicht bewölkt


Im Raum 220 der Hochschule belade ich meinen Paketwagen mit Farben und Pinseln, die mir für mein Unternehmen geeignet erscheinen. Mit dem Resultat der letzten Nacht bin ich noch nicht zufrieden. Vor allem die mir bei dem Bild zentral erscheinende Spiegelung hat noch nicht die intendierte Brillanz.

Zwischen der Uhlandstraße und der Station Mundsburg überquert die U-Bahn eine Brückenkonstruktion der Jahrhundertwende und spiegelt sich dabei eine Weile im Kuhmühlenteich. Die Samstagnacht ist für mein Vorhaben gut geeignet, weil die U-Bahn die ganze Nacht verkehrt. Ich fahre mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss. Der Pförtner grüßt freundlich. Während ich den Wahlort der letzten Malnacht ansteuere, frage ich mich, ob es nicht sinnvoller sei eine neue Blickachsenvariante vom Kuhmühlenteich anzulegen, bevor ich das Unfertige weitertreibe. Zu Beginn der Arbeit ist die Energiestufe meist am Höchsten. Das gilt es auszunutzen, sonst komme ich mit zwei unfertigen Bildern zurück in meinen Raum. Ich entscheide mich dafür, erstmal volle Konzentration auf das unfertige Bild zu richten.

Wieder steht beim Entzünden der Benzinlampe mit einem Knall die ganze Brennkammer in Flammen. Ich drehe den Benzinzufuhrhahn auf und zu bis sich die Verbrennung normalisiert hat und der Glühstrumpf sein weißliches Licht erstrahlen lässt.

Ich lege Bild, Farbtubentasche, Pinsel, Verdünnungsmittel vor mir in den Sand.
Ich bin aufgeregt. Die U-Bahn donnert heran. Das Schauspiel ist mit der Spiegelung der hell erleuchteten Fenster im leicht gekräuselten Wasser so prächtig wie ein Feuerwerk. Mit verschiedenen Gelbtönen setze ich die Lichter real und gespiegelt. Ich denke daran, was Umberto Eco über die Spiegelung geschrieben hat. Foucault hat anhand der Spiegelung den Begriff der Heterotopie geprägt: Die Spiegelung gibt einen Raum vor, der nicht existent ist. Ist nicht meine Arbeit wiederum eine Art Spiegelung? Ich gebe auf meinem Format der Spiegelung mehr Raum als dem Realen.

Ich fürchte mich davor, diese Prächtigkeit nicht adäquat wiedergeben zu können – Ich fürchte mich vor dem Misslingen. Plötzlich taucht eine Frau neben mir auf.
„Hallo, das Licht hat mich neugierig gemacht“.
„Aha“, sage ich. Ich hoffe, dass sie gleich wieder geht und arbeite weiter.
Enthusiasmiert berichtet sie mir, dass sie nachts, wenn sie mit ihrem Hund unterwegs sei, Lichtschiffe fotografieren würde.
Ich sehe keinen Hund.
„Haben Sie schon mal Lichtschiffe gesehen?“, fragt sie begeistert.
„Wo, auf dem Wasser?“, will ich wissen.
„Nein, wenn es nicht so bewölkt wäre, würde man auch jetzt welche sehen. Da, über dem Kirchturm!“.
„Wieso, das ist doch ein Stern“.
„Das sieht nur so aus. Es gibt keine Sterne mehr. Das sind alles Lichtschiffe. Wenn ich meine Fotografien vergrößere, kann man das ganz genau erkennen!“.
Ich sehe sie an. Pferdeschwanz, braunes Haar, mitte vierzig, gut bürgerlich gekleidet.
„In Dänemark habe ich am Himmel sogar fliegende Pferde gesehen“, fügt sie noch hinzu. Nach einer Weile verlässt sie mich mit guten Wünschen.
„Eine schöne Nacht noch“, sage ich und arbeite weiter.
Es ist Halb zwei und ich arbeite noch bis drei Uhr morgens.




40. Nacht
Zeit: Mi. 18.11.09 / 22.00 Uhr – Do. 19.11.09 / 05.30 Uhr
Ort: Wiesbaden, Nerotal
Wetter: 13°, Windstille, gering bewölkt


Da es zur Zeit schon um fünf Uhr nachmittags dunkel ist, durchstreife ich das Wiesbadener Nerotal zur Recognoszierung schon am frühen Abend. Ich kehre nochmal ins Hotel zurück, um mich umzuziehen. Es langweilt mich immer nur an Orten zu malen, die ich gut kenne. So kam mir die Einladung, die hessische Hauptstadt für ein paar Nächte kennenzulernen, gerade gelegen. Vielleicht fühlt sich die Nacht hier anders an? Ich rechne damit, hier irgendetwas spezifisch anderes zu entdecken, irgendeine nächtliche Besonderheit. Die Luft ist herbstlich mild. Kein Regen. Ich bin den verregneten und stürmischen Hamburger Nächten erfolgreich entflohen. Voller Energie, noch dazu ausgeschlafen hole ich meine Malutensilien aus dem in der Nähe geparkten VW-Bus.

Ich steuere das erste Motiv meiner Ortserkundung an. Der Paketroller rumpelt über die Maulwurf-Erdhügel der schmalen, von zwei Straßen, Nerotal südlich und Nerotal nördlich, eingeschlossenen Parkanlage. Im inneren der Grünanlage fließt der Schwarzbach, sich leicht windend talabwärts. Ich stoße die hölzernen Enden der Staffeleibeine in den weichen Wiesenboden, direkt neben dem Bachlauf. Von hier aus sehe ich, wie sich der Bach hinein in das finstere Dickicht aus Büschen, Kastanien- und Ginkobäumen schlängelt. Ein abgegrenzter Bereich, welcher durch seine direkte, städtische Umgebung sich als kultivierter Erhohlungsraum zu behaupten versucht. Dieser hundert Jahre alte, im englischen Landschaftsstil gehaltene Park ist nur ein Kilometer lang und geschätzte hundertfünfzig Meter breit. Hier spazieren die wohlsituierten Anwohner mit ihren reinrassigen Hunden, welche sich hier der Darmentleerung widmen können.

Ich rolle meine ein Meter achtzig lange Farbtubentasche auf dem feuchten Wiesenboden aus, um aus allen vierundzwanzig Tuben eine zwei Zentimeter lange Farbwurst in den Palettenkoffer zu quetschen.

Ich höre einige Meter hinter mir ein tiefes Bellen. Ich erstarre. Nach einem kurzen Augenblick, das Pfefferspray in der Hosentasche griffbereit, wende ich meinen Blick in die Richtung, aus der das Bellen zu kommen scheint. Hundebesitzer neigen dazu ihren bewegungsaffimierenden Tieren in der Dunkelheit mehr Freiheiten zuzugestehen, und sie deshalb von der Leine zu nehmen. Der doggenähnliche Hund bellt sich, ohne noch Notiz von seinem Besitzer zu nehmen, in Rage. Aber er kommt nicht näher, womöglich aus Angst vor mir. Ich höre, wie sein Besitzer gutwillig auf ihn einredet, um ihn zu beschwichtigen. Dann wird es still. Nur das Plätschern des Baches ist noch zu hören. Ich setze zum ersten Mal den Trocknungsbeschleuniger als Malmittel ein. Das ergibt einen anderen Farbenfluss auf der Leinwand als den mir Bekannten aus Terpentin und Leinöl. So habe ich die Hoffnung, dass die Bilder nach einer kürzeren Antrocknungsphase leichter zu transportieren sind. Ich übertrage das Motiv in einer mir selbst erstaunlichen Geschwindigkeit. Im Grunde könnte ich es in diesem schnell gefundenen Zustand belassen, aber es drängt mich noch einen Schritt weiter zu gehen. Ich möchte die Idee, den Anlass dieses Bildes noch stärker sichtbar werden lassen. Die Eingrenzung des nächtlichen Dunkels durch städtische Beleuchtung. Ich versuche die Schwarzgraduationen nachzumischen. Die leicht differenzierten Abstufungen vom schwarzen Flusslauf zu der Uferbegrenzung und zu den sich in der Nähe befindenden Ginkobäumen. Auf beiden Seiten blitzen zwischen dem nächtlichen Dickicht die Lichtpunkte der Straßenlaternen auf.

Ich finde nicht, ich suche.
Keine Endergebnisse, sondern die Zwischenergebnisse sind ausschlaggebend und richtungsweisend, wie es weiter gehen könnte. So ist jedes Bild Zeugnis meiner malerischen Untersuchung des nächtlichen Prinzips.

Die Oberfläche der Leinwand versperrt sich nach mehreren Farbschichten gegen weitere. Die Farbe ist zu nass. Ich muss es in diesem Zustand belassen und es möglicherweise bei Tageslicht fortführen.

Ich trage das unfertige Bild zum Auto und hole eine weitere Leinwand hervor, um mich damit ganz an die Nordspitze des Parks zu begeben. Dort, wo der Park beginnt, der Schwarzbach durch den Tunnel fließt und so das erste Mal sichtbar wird. Der Tunnel gehört zu einer kleinen Fußgängerbrücke, vor die ich mich mit meiner Leinwand hocke, um mich in direkter Sichthöhe des Tunneleingangs zu befinden. Der Blick ins Schwarze. Das Schwarz bestimmt die Mitte des Bildes, um die sich die lichteren Bereiche dieses Motivs wie Staffagen drapieren. Zarte Lichtreflexe umranken die Tiefe der Dunkelheit. Ich male das Fest der Schwärze in einem euphorisierenden Malrausch ... Es ist bereits drei Uhr nachts, als ich auch diese Leinwand zum Auto trage, um eine Neue zu holen. Es gibt noch einiges an diesem Ort zu entdecken. Um wieder warm zu werden, laufe ich den Bachlauf hoch und runter. Fünf Stunden durchzumalen ohne Pause, hat mich enorm abkühlen lassen. Meine Dunkelheitsfaszination treibt mich weiter bachabwärts.

Ich wähle die Blickachse, in welcher einerseits die Straßenführung und der Bach parallel zueinander verlaufen, und andererseits die von den Laternen geworfenen Schatten der Bäume als senkrechte Dunkelstreifen die Parkanlage durchkreuzen. Auch hier trifft das urbane Licht auf naturgegebene Finsternis. Die Bemächtigung der nächtlichen Dunkelheit durch die Elektrizität wird hier exemplarisch sichtbar.

Die Nacht wird immer feuchter. Der Himmel bewölkt sich. Ich versuche, an der Benzinlampe meine steifgewordenen Finger wieder warm zu bekommen. Obwohl ich kaum mehr Kraft habe, ziehe ich weiter zum nächsten Motiv. Es ist ein aufgestauter Teich, in welchem sich ein bauhausverwandtes mehrstockiges Haus spiegelt. Selbst zu dieser späten Nachtstunde sind noch zwei Fenster beleuchtet.

Auf dem Teich schwimmt ein Entenhabitat mit Vorsprung. An ihren Umrissen erkenne ich zwei Graugänse. Mit knatterigem Geschnatter geben sie mir zu verstehen, dass sie meine Anwesenheit stört. Nur noch eine grobe Anlage dieses Motivs skizziere ich, dann überkommt mich plötzlich ein unglaublicher Erschöpfungszustand. Gequält davon, mich nicht auf der Stelle schlafen legen zu können, sondern erst alles zum Auto zurück transportieren zu müssen, noch dazu einen Fußweg von zwei Kilometern zu absolvieren bis zum Hotel, packe ich meine Sachen zusammen.




41. Nacht
Zeit: Do. 19.11.09 / 23.00 Uhr – Fr. 20.11.09 / 01.30 Uhr
Ort: Wiesbaden, Kochbrunnenplatz
Wetter: 6°, leichter Wind, sternenklare Nacht

Ich bin unschlüssig, ob ich es wagen sollte an einem der zentralsten Plätze Wiesbadens meine Sachen auszupacken, um zu malen. Der Platz bleibt trotz später Stunde noch stark frequentiert. Teenagercliquen, Betrunkene, Touristengruppen, Hundespaziergänger und Obdachlose verharren oder überqueren den kaiserlichen Kochbrunnenplatz. Der Kochbrunnen liefert 346 Liter, 66° heißes Natrium-Chlorid-Heilwasser pro Minute. Er führt 15 Quellen zusammen und ist allein deswegen die bekannteste Quelle der Stadt. Aufgefangen wird er in einer steinernen Schale unter einer aus der Kaiserzeit stammenden, verzierten Pagode. Es ist so heiß, dass ich es nicht in meiner geformten Hand auffangen kann. Ich fülle etwas von dem sprudelnden Wasser in meine Trinkflasche ab. Es schmeckt so scheußlich wie versalzene Nudelsuppe. Ich kippe es wieder weg.

Die heißen Quellen qualmen aus allen Sieldeckeln. An diesem Ort sind es gleich drei hintereinander. Der heiße Dampf steigt eindrucksvoll auf und verweht. Mehrmals gehe ich den Kochbrunnenplatz auf und ab. Wovor fürchte ich mich?

Das Stadtlicht hat die Dunkelheit, in der ich mich sonst einigermaßen versteckt halten kann, erfolgreich verdrängt. Hier brauche ich weder Kopflampe noch Benzinlampe einzuschalten. Die vielen Laternen machen genug Licht. Ich fühle mich ein bisschen zu sichtbar wie auf einem Präsentierteller. Vielleicht fürchte ich mich davor, angesprochen zu werden, in irgendeiner Weise kommunizieren zu müssen ... Sofort setze ich mir Kopfhörer auf. Nur als Attrappe. Die Geräusche um mich herum sollen mich noch erreichen können.

Trotz der vielen Nachtspaziergänger, die teilweise im trunkenen Zustand den Platz überqueren, kommt mir das Treiben relativ friedlich vor. Ein Obdachloser sucht sich seinen Schlafplatz. Nach einer Weile legt er sich, in einer mir unbequem erscheinenden Rückenlage auf einen von der Quelle erhitzten Stein. Sein Kopf hängt dabei frei hinten über. Ein anderer Obdachloser füllt in großer Eile heißes Quellwasser in alte Plastiktüten. Vielleicht wird er sich daraus ein kurzweilig warmes Wasserbett bauen.

Viele Bewohner dieser Stadt kommen offenbar aus asiatischen Ländern. Möglicherweise ist die Migration hier besser gelungen. Keiner nimmt Notiz von mir. In meiner orangefarbenen Carhartt-Wollmütze, meinem farbverschmierten Kaputzensweatshirt und der dreckigen Bundeswehrhose sehe ich ohnehin aus als sei ich einer Ghettosiedlung entronnen oder sei selbst obdachlos. Nur meine nächtliche Tätigkeit wirkt dem Klischee gegenüber wiedersprüchlich.

Ich versuche den Bildausschnitt so zu wählen, dass mein Interesse am gewählten Motiv am Besten deutlich wird. Wie nehme ich die Bildgestaltung vor, wenn ich die Atmosphäre steigern möchte. Wie stimuliere ich am Ende die Phantasie des Betrachters, den inneren Film? Heutige Betrachter sind visuell so gebildet, dass sie durchaus in der Lage sind, unkonventionelle Bildausschnitte relativ leicht zu lesen.

Also müsste es möglich sein den Bildausschnitt noch enger zu wählen und noch mehr Details wegzulassen, um den Betrachter ein bisschen mehr herauszufordern, ihn dadurch zur Eigenbeteiligung zu animieren. Wieviele Bildinformationen reichen aus, um den Denkapparat des Betrachters zu aktivieren und eine innere „Filmsequenz“ ablaufen zu lassen, so dass das stille Bild eine innere Bewegung auszulösen vermag? Das ist ein hoher Anspruch. Ob ich dem gerecht werde, bleibt offen.

Ich positioniere meine Staffelei so, dass ich alle drei Sieldeckel, aus denen es wuchtig herausqualmt, in einer Blickachse habe. Die Kälte der Nacht lässt den aufsteigenden Dampf noch sichtbarer werden. Es macht Spaß, den Rauch in seiner Selbstdrechselung aufsteigen zu sehen. Je nach Windböe wechselt er seine Richtung und seine Form. Wie ein gespenstisches, lebendiges Nichts, ein Gedanke, der Rauch eines Gedankens, der hin und her gepustet wird. Ich erhebe den Dampf zu meinem nächtlichen Protagonisten. Er ist ein guter Schauspieler. Nur wie soll ich das in Malerei überführen? Lässt sich das überhaupt malen? Ich sacke in mir zusammen, fühle mich überfordert. Wie ein Witz nehme ich mit dem Pinsel Farbe auf. Ein Farbgemisch aus Zinkweiß, Elfenbeinschwarz und Vandyckbraun. In schnellen Pinselstrichen versuche ich, den Charakter des Rauches zu übersetzen. Jedoch, die lapidare Farbspur erstaunt mich, sie weist tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem tänzerischen Rauch auf.

Einige nächtliche Spaziergänger wählen ihren Weg so, dass sie einen Blick auf mein Bild werfen können. Aber der momentane Zustand lädt zum Glück nicht gerade zum Verweilen ein. Dennoch bin ich zufrieden mit diesem wagen Anfang. Ich packe meine Sachen zusammen und wärme meine erkalteten Hände an dem aus dem Siel tretenden Dampf . Ich erinnere mich an die Geschichte eines Schauspielers der nur einen Satz zu sagen hat: „Schwarz war die Luft voller Dampf“. „Schwampf“ entfährt ihm, als er nach vielen Tagen der Übung auf der Bühne steht …